Greatest Hits

Einstürzende Neubauten

Label 
POTOMAK
Release Date 
25 Nov 2016
Format 
Special Deluxe Edition Vinyl, Standard Vinyl, CD, Download


SPECIAL DELUXE EDITION
2 LP Set, 180 g Vinyl, inklusive download code, komplette Lyrics in Deutsch und Englisch und 5 Full size Fotos
STANDARD VINYL
2 LP set, 140 g Vinyl, inklusive download code

Vinyl 
29,99 €
CD 
15,99 €

Tracklist

Das Konzept der „Konzeptlosigkeit“ wurde damals aus einer spontanen Idee heraus geboren (viele hielten es für einen Aprilscherz als EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN vor über 35 Jahren am 1.April 1980 im Berliner Club „Moon“ das erste Mal auf einer Bühne performten).

Daraus entwickelten die „Genialen Dilletanten“ ihre eigene Strategie gegen soziale und musikalische Strukturen, indem sie Metallrohre und –federn, unterschiedlichste Maschinen als Klangkörper zweckentfremdeten. Als Prinzip konstruierte Blixa Bargeld Metaphern-lastige Poesie, um die herum einzigartige Klangwelten erschaffen wurden auf Objekten unterschiedlichsten Ursprungs. Die Band entdeckte Töne jenseits der Schmerzgrenze, die Schönheit der Dissonanz und eine Ästhetik des Schrottplatzes. Inzwischen werden sie weltweit anerkannt als die wichtigsten zeitgenössischen Vertreter der Entwicklung neuer musikalischer Strategien und Wege. Kaum eine andere deutsche Band hat die musikalische Landschaft so nachhaltig geprägt wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN. Ihr Einfluss auf die Musikwelt war und ist ebenso groß wie ihr zeitloser Charakter.

Wie ist das mit dem Weitermachen? Man macht es einfach, und das nicht etwa, weil man es kann oder muss. Das Titelstück des 2004 erschienen Einstürzende Neubauten Albums hat es perfekt auf den Punkt gebracht: Perpetuum Mobile. Einmal angestoßen – in den frühen 80ern von den West-Berlinern Blixa Bargeld, NU Unruh und Alexander Hacke – sind die Einstürzenden Neubauten bis heute ohne Unterlass aktiv. Seit der Percussionist Rudolf Moser und der ehemalige „Die Haut“ Gitarrist Jochen Arbeit vor 19 Jahren bei der Band einstiegen, bilden sie in der Tat nicht nur das am längsten bestehende line-up, sondern wohl auch die abwechslungsreichste und fruchtbarste Kollaboration von allen, sind es doch Rudi und Jochen, die es immer wieder wagemutig verstehen, die Herausforderungen, vor die sie in Form von neuen, von NU Unruh erdachten „Instrumenten“ gestellt werden, gekonnt zu meistern.

Zusammen mit dem Multi-Instrumentalisten Alex Hacke, der den Bass nach Mark Chungs Ausscheiden (nach der Albumveröffentlichung von Tabula Rasa in 1992) übernahm, wechseln sie immer wieder zwischen ihren eigentlichen Instrumenten und den von NU Unruh erdachten hin und her. Sie loten Tiefen aus, sie schlagen, kratzen oder hämmern Beats und ziehen eindringliche Töne aus den scheinbar herzlosen Soundquellen, die ihnen vorgesetzt werden, immer im Dienste des jeweiligen Songs. Aber wie geht der Song? “We didn’t die”, singt Blixa, “we‘re just singing a different song”. “The difference”, klärt er uns weiter auf, “is in the song”. Wir sind nicht gestorben, wir spielen nur ein anderes Lied, der Unterschied liegt im Lied.

Besagter Song, “How Did I Die?”, stammt von Lament (2014), dem Album zu einer Live Performance, die von der belgisch-flämischen Gemeinde Diksmuide zum hundertsten Jahrestag des Falls der Stadt an die deutschen Truppen zu Beginn des ersten Weltkrieges in Auftrag gegeben wurde. Auch wenn dieses Stück mit der Erinnerung an eine der größten Katastrophen der Geschichte verbunden ist, ist der Track der jüngste auf dem Compilation Album Greatest Hits, das nach den „Special Shows“ benannt ist, mit denen die Band in den letzten Jahren um die Welt tourt. Teilweise sogar parallel zu den Vorbereitungen und Aufführungen der Lament-Performance.
Die Tracklist der Greatest Hits-Shows besteht überwiegend aus Stücken der letzten 27 Jahre, die meisten davon wurden von der heutigen und somit kontinuierlichsten Besetzung komponiert und eingespielt. Das älteste Stück ist eine neu abgemischte Version von “Haus Der Lüge”, dem Titeltrack des gleichnamigen Albums von 1989, veredelt mit neu eingespielten Posaunen und Streicher Arrangements. Diese wollte die Band schon bei den Originalaufnahmen haben, konnte es sich aber damals schlicht nicht leisten und so wichen sie notgedrungen auf Synthesizer-Klänge aus.

Das Album Tabula Rasa aus dem Jahr 1993 ist mit zwei Stücken vertreten, “Die Interimsliebenden” und “Salamandrina”. Es ist das letzte Album mit Bassist Mark Chung, der 1981 kurz nach FM Einheit alias Mufti zur Band stieß (beide spielten zu der Zeit bei der Hamburger Punkband Abwärts). Mufti selber verließ die Einstürzenden Neubauten während der Aufnahmen zu Ende Neu im Jahre 1996 und ist auch nicht beim Eröffnungstrack der Greatest Hits „The Garden“ dabei. Dessen erste Liedzeile ist übrigens inspiriert von einem Spruch, den Blixa einmal von einer Engländerin aufgeschnappte: “If you want me you will find me in the garden/Unless it’s pouring down with rain”. Hier beginnt auch die traumhafte Reise der Band, die das Greatest Hits-Album wie aufeinander folgende Bilder dokumentiert, die Einstürzenden Neubauten werden – zumindest laut Song – zu den Ufern aller vier Flüsse und der Quelle des Bewusstseins, durch alle vier Jahreszeiten, auf den fallenden Apfel wartend, mitgenommen. Die Musik, die sie auf diesen Reisen machen, reflektiert die wechselnden Jahreszeiten, als Reaktion auf die sich ändernden Zeiten und den einen oder anderen Bruch, den die Band vollzieht und so manchen Rückschlag, den sie erleidet.

Fünf Tracks sind vom 2000er Album Silence Is Sexy: “Sabrina”, “Sonnenbarke”, “Total Eclipse Of The Sun”, “Redukt” und “Die Befindlichkeit Des Landes”. Letzterer befindet sich auch auf dem melancholischen Soundtrack zu Hubertus Siegerts Berlin Babylon (2001), einer Dokumentation über das sich verändernde Gesicht einer Stadt, die sich seit November 1989, dem Fall der im Kalten Krieg gebauten die Stadt teilenden Mauer, sozusagen „wiedervereinigt“.

Das zehn Minuten lange Stück „Redukt“ ist inzwischen zu einem Favoriten bei Live-Auftritten avanciert und nimmt damit seit langem den Platz des frühen Einstürzende Neubauten Tracks “Sehnsucht” ein, sind doch beide Stücke ein Beweis für die außerordentliche Innovations-Kraft der Band – und ein perfektes Ventil für die sich bei einem Konzert aufstauenden Emotionen.

Während der Nuller Jahre expandierte der Einfallsreichtum der Band über die Grenzen der Bühne und des Studios hinaus. Alternativen zur bestehenden Praxis im Musik-Business wurden gesucht und geschaffen. Als Reaktion auf die weltweite Krise in der Musikindustrie schlug Erin Zhu, die damalige Webmasterin der Band Webseite neubauten.org ( und Ehefrau von Blixa Bargeld), ein neues Arbeitsmodell vor, das auf der engen Beziehung zwischen der Band und ihren Fans beruhte. Mittels ihres Geschäftsmodells konnte die Band die als immer einengender werdend empfundene Musikindustrie übergehen, um so noch stringenter ihren eigenen Weg gehen zu können.

Zwei der Stücke auf Greatest Hits, “Dead Friends (Around The Corner)” und “Ein Leichtes Leises Säuseln”, stammen im Original vom Supporter Album #1, das später in einer modifizierten Form zu dem allgemein erhältlichen Album Perpetuum Mobile (Mute, 2004) wurde. Noch zwei weitere Male bewiesen etwa 2000 Supporter (=Unterstützer) ihren Glauben an die Einstürzenden Neubauten in Form von finanzieller Unterstützung. Als erste „Dividende“ erhielten sie das Album Grundstück (2005), als zweite folgte eine spezielle „Supporter“- Version des selbst herausgebrachten Albums Alles Wieder Offen (Potomak, 2007). Von diesem sind drei Tracks auf Greatest Hits zu finden: “Let’s Do It A Da Da” (eine verspielte Hommage an die Dadaisten des frühen 20. Jahrhunderts) und “Susej”, aber auch “Nagorny Karabach”, ein gleichermaßen verstörendes wie herzzerreißend schönes psychogeografisches Stück und einer der größten Album-Hits der Band. Wie es der Song andeutet, hat die Band mehr als nur ein paar Brüche und Rückschläge auf ihrem Weg wegstecken müssen, doch konnten diese sie bislang nicht aufhalten.

Es gilt weiterhin damals wie heute und auch zukünftig, wie „How Did I Die?“ der vormals erwähnte jüngste Track auf Greatest Hits aussagt „Der Unterschied liegt im Lied“.